Wie man „Balkan-Geschnetzeltes“ zubereitet…

von Andrea Wechsler

Im Februar 2016 ist mein neues Reisebuch unter dem Titel „Balkan-Geschnetzeltes. Kein Kochbuch“ – Mit dem Rucksack durch Montenegro, Mazedonien und Albanien – im Telescope Verlag erschienen.

Gern gebe ich Auskunft über die Rezeptur und den Schreibprozess.

Man nehme zuerst einige hundert Gramm selbst erlebter Abenteuer (die natürlich schwer abzuwiegen sind), extrahiere alles, was für den Leser interessant sein könnte, gebe eine Hand voll Humor dazu und würze in angemessenen Abständen immer wieder kräftig mit neuen Spannungselementen nach. Geschmacklosigkeit aller Art wird somit vorgebeugt.

Dass in meinem „Kein-Kochbuch“ exotische Früchte verarbeitet wurden, lässt allein die Wahl der Reiseziele erkennen. Denn was wissen wir schon über Mazedonien, das die alten Römer „catena mundi“ – das „Ende der Welt“ nannten? Wohl genau so wenig wie über Montenegro – das Land der Schwarzen Berge – oder über Albanien, das unter Enver Hoxha jahrzehntelang abgeschottet vom Rest der Welt ein Schattendasein führte.

Obwohl diese Länder nur 2000 Kilometer von uns entfernt liegen, sind es hinsichtlich unserer Reise-Erfahrungen eher Lichtjahre.

Die benötigten Zutaten für „Balkan-Geschnetzeltes“ holte ich mir auf mehreren Rucksackreisen. Ohne Frage, sie lagen buchstäblich auf den Wegen.

Also, ein „gefundenes Fressen“ für Einfallslose? Bei Weitem nicht…

Nach und nach wurden die Reiseerlebnisse zerlegt, mit Blick auf das Wesentliche verfeinert und zunächst in noch rohem Zustand in eine Marinade aus Anekdoten eingelegt. (Nicht umsonst spricht man ja von der „Roh-Fassung“.)

Ein ständiges Abklopfen, Drehen und Wenden sowie das Abschöpfen überflüssiger Soße, die sich eben auch beim Schreiben bildet und das berühmt-gefährliche Schmoren im eigenen Saft provoziert, waren wichtig, um eine bissfeste Konsistenz zu gewährleisten.

Natürlich stellte sich mit der Zeit die Frage, in welchem Topf „Balkan-Geschnetzeltes“ kochen sollte – sprich – bei welchem Verlag. Der Telescope-Verlag lieferte dafür die geeignete Kochtemperatur. Innerhalb von 2½ Jahren galt es dann, zähe Stücke herauszufischen oder durch eine ständige Überarbeitung „gar zu kochen“. Schließlich wurde das Ganze in 35 Texte mit 100 Fotos portioniert.

Wer „Balkan-Geschnetzeltes“ probiert, stößt auf gut verdauliche Reportagen über Begegnungen mit einheimischen Mönchen und Nonnen, mit Blaubeerpflückern im mazedonischen Baba-Gebirge, mit Bergführern, Gastwirten, Sozialarbeiterinnen, Schinkenproduzenten und mit Taxifahrern, die zu Reiseführern und Freunden wurden.

Und die Filet-Stücke? Das sind wohl die zehn Porträts über Roma-Kinder aus dem „Zentrum für Soziale Initiative Nadež“ in Shuto Orizari – der größten Roma-Siedlung der Welt.

Nicht unbeabsichtigt habe ich meinem Werk einen doppeldeutigen geographischen Bogen untergehoben. So beginnt der erste Text in Berlin-Tegel, und der letzte endet an den Bahngleisen des Bahnhofs Gevgelija, einem Ort, der tagtäglich im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise in den Schlagzeilen zu lesen war.

Erstmalig wurde meine „Spezialität“ Mitte Februar 2016 in der Dresdner Neustadt aufgetischt, genauer: in der „Reisekneipe“. 90 Literaturhungrige sperrten zur Buchpremiere ihre Ohren, ihre Augen – und auch ihre Münder – auf. Seitdem wird „Balkan-Geschnetzeltes“ an vielen Orten serviert.

Nach der Erstverkostung in der „Reisekneipe“ ging es in die Dresdner Bibliotheken, auf die Leipziger Buchmesse, ins Sächsische Bildungsinstitut, in die „Kümmelschänke“, in den St. Pauli Salon in der Neustadt – und beim Literaturfest Meißen wird es schließlich unter freiem Himmel Appetit machen.

Im Herbst steht mein Reisebuch dann wieder auf dem literarischen Speiseplan verschiedener Institutionen. Wie gerade erst erfahren, sogar in der Reihe der Multivisionsshows der Dresdner Globetrotter-Filiale.

Als Beilagen zu den Lesungen werden übrigens fast immer eine Foto-Show und Musik gereicht. Ansonsten hoffe auf eine lange Haltbarkeit, denn „Balkan-Geschnetzeltes“ ist frei von Konservierungsstoffen. Oder doch nicht?

„Es gibt Reisen, die niemals enden“ – der Leitgedanke, der die erste Seite garniert, ist ja an sich schon ein Frischhaltefaktor…

Cover Balkangeschnetzeltes

Das Buch gibt es unter anderem hier zu erwerben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.