Antrittslesung des 23. Stadtschreibers Kurt Drawert

von Angela Zeiler

„… der blaue Himmel, der wie ein Sargdeckel drückte, wirklich sehr schrecklich.“ Treffender als mit Kurt Drawerts Worten kann man das Wetter an diesem Donnerstagmorgen nicht beschreiben. Ich schleiche meinen Arbeitsweg entlang und möchte am liebsten wieder umdrehen. Mein Sofa ruft mir hinterher, lockt mich mit Netflix, kühlen Getränken und Bequemlichkeit. Doch ich widerstehe dem Sirenenklang.

Die Stunden quälen sich dahin und mein Gehirn ist wie Brei. Der Regen am Nachmittag bringt Abkühlung, doch der Himmel gleicht weiterhin einem wolkenverhangenen Sargdeckel. Für ein paar Sekunden ringe ich mit mir, ob ich zur Antrittslesung des 23. Dresdner Stadtschreibers in die Zentralbibliothek fahren soll. Doch das Pflichtbewusstsein siegt wieder. Ich bin eine der ersten und suche mir einen Platz in der dritten Reihe. In meinem Kopf pocht die Müdigkeit und ich schließe für einen Moment die Augen.

Annekatrin Klepsch, Beigeordnete für Kultur und Tourismus, und der Vorstandsvorsitzenden der Kulturstiftung der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, Heiko Lachmann, treten zunächst an das Mikrofon und sprechen ein paar einleitende Sätze. Danach steigt ein junger Mann auf die Bühne, Daniel Séjourné vom Staatschauspiel Dresden, keine Anzeichen von Lampenfieber.

Er liest mit ruhiger und klarer Stimme aus dem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte.“ und die Worte beginnen, einem Film gleich, vor meinen Augen Gestalt anzunehmen. Mein Gehirn erwacht aus seinem Koma. Gebannt lausche ich, ob es am Text, der Vortragsweise oder an der Symbiose aus beiden liegt, kann ich nicht sagen.

Es folgt eine Diskussionsrunde mit dem Autor. Kurt Drawert erzählt über sein literarisches Schaffen, über die Einflüsse von Vergangenheit, Landschaften oder Musik und darüber, was Literatur überhaupt ist und leisten kann. Vieles, was er sagt, könnte aus einem philosophischen Lehrbuch stammen. Es regt zum Nachdenken an, zu tiefer gehenden Gedanken, die sich bis in die letzten Hirnwindungen vorarbeiten. Mein Gehirn arbeitet und lechzt nach mehr.

Danach nimmt Daniel Séjourné nochmal seinen Platz auf der Bühne ein. Wieder trägt er ruhig, aber gleichzeitig eindringlich aus Kurt Drawerts Werken vor, unter anderen aus seinem neuesten Buch „Der Körper meiner Zeit“. Der Autor selbst ist beeindruckt und bedankt sich mit einer Umarmung für diese bewegende Lesung.

Als ich schließlich aus dem Kulturpalast trete und mich zu Fuß auf den Heimweg mache, treiben ein paar vereinzelte, dunkelblaue Wolken über den Sonnenuntergangshimmel. Der Sargdeckel hat sich geöffnet und über mir ist eine klärende Weite.

Angela Zeiler

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