Aufruf von Dresdner Autoren

von Willi Hetze

Am 04.12.2017 haben 100 Tätige im Literatur- und Kulturbereich einen Aufruf veröffentlicht, den wir euch gerne zur Kenntnis geben möchten.

Aufruf

Die Ereignisse auf der Frankfurter Buchmesse 2017 haben eine Debatte um die Meinungsfreiheit und den Umgang mit Verlagen für gesellschaftspolitische Schriften entfacht. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei Impulse aus Dresden, zu denen wir Stellung beziehen möchten.

Als Tätige im Literatur- und Kulturbereich mahnen wir zu einer angemessenen Sprache. Der Aufruf zur Kritik an Autorinnen und Autoren, Texten und ihren politischen Botschaften darf nicht als „Gesinnungsdiktatur“ verunglimpft werden. Diese Diffamierung bedeutet eine verbale Entgleisung. Die Freiheit, sich zu äußern, begründet kein Recht, sich unwidersprochen zu äußern. Denn ebenso gilt diese Freiheit für jene, die widersprechen. Abzulehnen ist gleichwohl Gewalt als Mittel des Meinungsstreits.

Der Opferhabitus, der durch die Klage über „Gesinnungskorridore“ und Anspielungen auf historische Dissidentenbewegungen eingenommen wird, ist unangemessen und verhöhnt all jene, die in Geschichte und Gegenwart mit Leib und Leben in Diktaturen für ihre Überzeugungen einstanden und einstehen.

Das emphatische Einfordern von Demokratie und Toleranz gerät dort zum Widerspruch, wo dadurch Autorinnen und Autoren sowie Texte verteidigt werden, welche die demokratische Grundordnung in Frage stellen, die liberale, pluralistische Gesellschaftsentwürfe verachten oder rassistisch argumentieren. Wer sich glaubhaft für eine offene Gesellschaft und ein demokratisches Miteinander einsetzen will, tritt demokratiefeindlichen, antipluralistischen und rassistischen Ideologien entgegen.

 

Unterzeichner (alphabetisch, aktualisiert am 17.01.18)

Bartsch, Michael (Feier Journalist / Autor)
Baum, Beate (Autorin)
Beck, Patrick (Autor)
Bernitt, Sven (Buchhändler)
Betscher, Jana (Publizistin)
Beyer, Marcel (Autor)
Bittner, Michael (Autor)
Boger, Alexander (Verlagsmitarbeiter)
Böhm, Roswitha (Literaturwissenschaftlerin)
Brandstädt, Holger (Buchhändler)
Böttcher, Scotty (Musiker)
Büngen, Alfred (Verleger)
Claus, Uwe (Autor)
Colditz, Silvio (Autor)
Deicke, Jan (Erzähler/Musiker)
Dejun, Micul (Autor)
Dieckmann, Dorothea (Autorin)
Dittmann, Marion (Museumspädagogin)
Dost, Hans-Jörg (Autor)
Duwe, Svea (Künstlerin)
Dyffort, Birgit (Künstlerin)
Dyffort, Tom (Unternehmer)
Dyrlich, Benedikt (Autor)
Eckardt, Frank (Künstler, Kunstvermittler)
Eggert, Sylvia (Autorin)
Eichner, Cornelia (Autorin)
Ellerbrock, Dagmar (Historikerin)
Erler, Annaluise (Buchhändlerin)
Ewald, Ulla (Übersetzerin)
Fischer, Malte (Metallkünstler)
Flade, Jochen (Restaurator)
Friesel, Uwe (Autor)
Fuchs, Hannah-Sophie (Autorin)
Führer, Caritas (Autorin)
Garbe, Amac (Fotograf)
Geist,Peter (Literaturwissenschaftler, Kritiker)
Göpfert, Mario (Autor)
Görlich, Berit (Pädagogin)
Goldammer, Frank (Autor)
Greifenhahn, Claudia (Kulturschaffende)
Greinus, Leif (Verleger)
Grosse, Andreas (Veranstalter)
Grünbein, Durs (Autor)
Grüner, Sabine (Musikerin. Fotografin)
Haarig, Frederik (Sänger, Wissenschaftler)
Haarig, Haike (Musikerin, Kulturakteurin)
Hantschel, Tom (Schauspieler)
Hasselhorn, Jost (Pädagoge & Literaturvermittler)
Hauthal, Uta (Autorin)
Heidrich, Steffen (Kulturschaffender)
Hetze, Willi (Soziologe, Autor)
Hillen, Michael (Autor)
Holland-Moritz, Patricia (Autorin)
Hoorn, Paul (Musiker)
Igel, Jayne-Ann (Autorin)
Imgraben, Georg (Kulturwissenschaftler)
Jansen, Bettina (Literaturwissenschaftlerin)
Jasmund, Birgit (Autorin)
Jehne, Martin (Historiker)
Kaleri, Anna (Autorin)
Kittelmann, Andreas (Informatiker + Hobbyfotograf)
Koch, Lars (Literaturwissenschaftler)
König, Torsten (Literaturwissenschaftler)
Kotte, Henner (Autor)
Krause, Diethard (Musiker)
Kreimendahl, Andreas (Autor)
Krell, Detlef (Verleger)
Kremer, Gwendolin (Kunsthistorikerin)
Krötzsch, Jana (Übersetzerin)
Kuhlbrodt, Jan (Autor)
Kuhn, Christoph (Autor)
Kutz, Caddi (Autorin)
Lachmann, Michael
Lagis, Katrin (Buchhändlerin)
Lasch, Alexander (Sprachwissenschaftler)
Lindemann, Gerhard (Ev. Theologe)
Lohfelder, Dieter (Kulturveranstalter)
Ludwig, Maja (Autorin)
Mangold, Hartmut (Germanist)
Materni, Undine (Autorin)
Matkey, Isolde (Kulturmanagerin)
McCrae, Michael Neil (Regisseur)
Mennicke-Schwarz, Christiane (Kulturvermittlerin)
Mohr, Francis (Autor)
Mothes, Cornelia (Kommunikationswissenschaftlerin)
Motte, Tobias (Buchhändler)
Müller-Mall, Sabine (Rechtsphilosophin)
Münkler, Marina (Literaturwissenschaftlerin)
Neutzner, Matthias (Historiker)
Nickel, Artur (Autor, Herausgeber)
O’Brien, Andrea (Literaturvermittlerin)
O’Brien, Ruairí (Architekt/Lichtdesigner)
Oliver, José F. A. (Autor)
Opitz, Olaf (Musiker)
Paul, Andreas (Autor)
Pfannenschmidt, Helge (Verleger)
Rathenow, Lutz (Autor)
Rehberg, Karl-Siegbert (Soziologe)
Richter, Swantje (Musikpädagogin)
Rosenlöcher, Thomas (Autor)
Ruiss, Gerhard (Autor)
Schindler, Gabi (Papierkünstlerin)
Schneider, Lea (Autorin)
Schneider, Mike (Pädagoge)
Schöttner, Günter (Materialkünstler)
Scholz, Rudolf (Autor)
Schrage, Dominik (Soziologe)
Schulz, Almuth (Musikerin)
Schulze, Ingo (Autor)
Schumann, Anja (Musikerin)
Schwarz, Andra (Autorin)
Schweizer-Strobel, Petra
Sigmund, Sarah (Kunstwissenschaftlerin)
Simon, Katharina (Kulturschaffende)
Skowronek, Julius (Theaterleiter)
Sobing, Ju (Autorin)
Sommerschuh, Jens-Uwe (Autor)
Stelmecke, Olaf (Musiker, Lyriker)
Stephan, Anja (Moderatorin)
Strobel, Antje (Pädagogin)
Strobel, Michael (Archäologe)
Stuhrberg, Uwe (Redakteur)
Sturm, Eva (Literaturwissenschaftlerin)
Tauber, Roland (Verleger)
Teufel, Annette (Literaturwissenschaftlerin)
Thiele, Robert (Kunstvermittler)
Tiller, Elisabeth (Literaturwissenschaftlerin)
Tratsch, Marjana (Sängerin, Dolmetscherin)
Ulbricht, Justus H. (Historiker)
Vassas, Odile (Kulturschaffende)
Vongries, Caroline (Autorin)
Voss, Robert
Walther, Thomas (Grafikdesigner)
Weerth, Thomas
Weiß, Norbert (Autor)
Wenig, Mirko (Autor)
Wenige, Heike (Buchhändlerin)
Wensauer, Stephan
Wieser, Dorothee (Literaturwissenschaftlerin)
Wilde, Steffen (Veranstalter)
Winkler, Bert (Autor)
Winkler, Philipp
Winterberg, Sonya (Publizistin)
Winterberg, Yury (Autor)
Wirtz, Daniel Nikolas (Musiker)
Wohlfahrt, Thomas (Literaturvermittler)
Wonneberger, Jens (Autor)
Wosnitzta, Franziska (Restauratorin)
Wosnitza, Martin
Wüstefeld, Michael (Autor)
Zetzsche, Kathrin
Zwerenz, Stefan (Autor)

 

7 Gedanken zu “Aufruf von Dresdner Autoren

  1. klar, unaufgeregt und angemessen. Eine sehr gute Antwort, die die Türe offenhält für alle, die sie benutzen wollen. Vielen Dank

  2. Dem Aufruf ist nichts hinzuzufügen! Dank an die Initiatoren und Erstunzerzeichner für diese Stimme der Vernunft und Mitmenschlichkeit aus Dresden. Endlich einmal ein Text, für den man sich als Drednerin nicht fremdschämen muss.

  3. Ein hervorragender und sehr durchdachter Beitrag von Uwe Stuhrberg (Das Dresdner Magazin/SAX 1/2018) setzt der unsäglichen Charta 2017 – Gott sei Dank – einen dringend nötigen Kontrapunkt entgegen. Die Analogie zur Charta 77 zu benutzen, ist Zeichen einer fatalen Unintelligenz, Geschichtsunwissenheit und gefährlichen Fahrlässigkeit der Urheberin aus der „Elbhangblase“ (U. Stuhrberg). Dank an alle Unterzeichner des Literaturhaus-Aufrufes – möge dieser viele zum intensiveren Nach-Denken anregen. Und ich möchte mit meiner Unterschrift diesen Aufruf unbedingt unterstützen.

  4. Sehr geehrter Herr Flade,

    nur drei Punkte, ebenfalls zum Nachdenken:

    „Als Tätige im Literatur- und Kulturbereich mahnen wir zu einer angemessenen Sprache“. Finden Sie, daß der Begriff „Tätige“ und die Wendung „angemessene Sprache“ innig zueinandergehören? Angemessene Sprache findet nach einigem Suchen nach dem passenden Ausdruck wohl nicht den belasteten Begriff „Tätige“.

    „Der Opferhabitus, der durch die Klage über „Gesinnungskorridore“ und Anspielungen auf historische Dissidentenbewegungen eingenommen wird, ist unangemessen und verhöhnt all jene, die in Geschichte und Gegenwart mit Leib und Leben in Diktaturen für ihre Überzeugungen einstanden und einstehen.“

    Ob die Unterzeichner der Charta 2017 einen sog. Opferhabitus einnehmen, indem sie unterzeichnen, sei dahingestellt, ich denke: nein. Aber daß ausgerechnet Herr Hetze, soweit ich weiß, einer der Verfasser des Aufrufs und ausweislich seiner Vita Jahrgang 1985, genau zu wissen vorgibt, daß und wie in Diktaturen mit Abweichlern umgegangen wurde, erst recht weiß, was Verhöhnung „all jener“ sei, ist ein bißchen lächerlich. Ich denke, daß er nicht wirklich genau weiß, wovon er da spricht. (Andere auf der Unterzeichnerliste freilich schon.) Ihm — und nicht nur ihm — sollte es zu denken geben, daß ausgerechnet viele 89er-Bürgerrechtler heute wieder zu denen gehören, die die Probleme in unserem Land nicht nur auf der von vielen Medien durchaus deutlich verachteten Seite sehen. (Vera Lengsfeld, Arnold Vaatz, Angelika Barbe, Gunter Weisgerber, Ulrich Schacht, Michael Beleites und andere.)

    Es wäre schön, im fairen und den Argumenten zugewandten Gespräch zu bleiben (oder überhaupt erst dorthin zu gelangen); zu versuchen, dem anderen zuzuhören, ihn zu verstehen. Das heißt aber auch, sich mit den Fakten zu beschäftigen, die den jeweils anderen so denken lassen, wie er — oder sie — denkt. Mit den Fakten — und damit, ob und wie sie faktisch sind. Ich gebe mir Mühe — bitte versuchen Sie und die übrigen Unterzeichner des Aufrufs es auch.

    Mit respektvollem Gruß,
    Uwe Tellkamp

    • Sehr geehrter Herr Tellkamp,

      vielen Dank, dass Sie sich an der Diskussion um den Aufruf beteiligen.

      Dass Sie allein aufgrund meines Geburtsjahrgangs meine Kenntnisse in Zweifel ziehen und meine Positionierung als „ein bisschen“ lächerlich bezeichnen, empfinde ich als „ein bisschen“ herablassend und im Übrigen als Widerspruch zu Ihrem Wunsch nach einer fairen Argumentation. Wie stellen Sie es sich vor, über derartige persönliche Angriffe zu einem verständnisvollen Gespräch zu gelangen?

      Mit den besten Grüßen
      Willi Hetze

  5. Lieber Herr Tellkamp,

    der Verweis auf das Primat der Betroffenheit, den SIe hier führen, indem Sie allein aufgrund des Alters andere Menschen Schlussfolgerungen über die Aussagefähigkeit dieser Menschen ziehen, hat schon immer dazu geführt, Menschen im Diskurs in würdeloser Art und Weise zu disqualifizieren. Das wird auch dieses Mal nicht funktionieren.

    Herzliche Grüße
    Steffen Heidrich

  6. Werter Herr Tellkamp – zunächst betrachte ich Ihr Einmischen zumindest als respektvoll; en Detail kann ich Ihnen mit Ihren Ansichten, vor allem zur De-Klassifizierung der Aufruf-Unterzeichner (s.o.) schlechterdings zustimmen. Und auch ich überlege ziemlich genau, bevor es mich zur Zustimmung einer geoffenbarten Öffentlichkeitsmeinung drängt. Im Falle der Charta 2017 drängte es mich außerordentlich – und andere nicht minder. Einst hielt Ingo Schulze im Dresdner Schauspielhaus eine der Dresdner Reden; lesen Sie diese doch einmal genauer nach. Und Ihre doch erstaunlich banale Polemik in Ihrem Kommentar zu dem meinen verwundert mich schon sehr. Bisher meinte ich, Literaten denken erst, bevor sie schreiben. Es schickt sich nicht, u.a. einem 86er der historischen Unkenntnis zu bezichtigen, ihm den Vorwurf der Spätgeburt zu machen – lieber Tellkamp: das ist doch unter Ihrem Niveau, was Sie reklamieren. Kurz: es entwickelt sich beidseits ganz offensichtlich der Drang zur Auseinandersetzung, was per se zu begrüßen wäre. Vorschlag: da Sie, so lese ich es, aus dem emotionalen Turm ausbrechen wollen, initiieren Sie und Ihre Mitstreiter am Elbhang doch ein Dialogforum. Miteinander reden ist doch allemal besser denn im sozialen Netzwerk sich abzureagieren. Dresden mangelt es seit Jahren an Gesprächskultur. Wer den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann – ergreifen Sie!

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