NaNoWriMo: ein Roman in einem Monat

von Friedelbert Heidrich

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Mit dem Beginn des Neuen Jahres erfasst viele Menschen der Ehrgeiz guter Vorsätze. Autoren nehmen sich häufig vor, endlich eine bestimmte Geschichte aufzuschreiben, kontinuierlich an ihren Texten zu arbeiten oder ein Pensum an Wörtern zu schaffen. Doch dafür gibt es in der Autorenszene nicht nur den Januar, sondern auch den November. Von seinen Erfahrungen mit dem „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) berichtet im Folgenden Friedelbert Heidrich.

Im Juli 2019 nahm ich an einem Schreibseminar teil. Neben der Gebühr war lediglich Bedingung bzw. Wunsch des Dozenten, dass man eine Textidee mitbringen sollte. Nach einigem Hin und Her und der Durchsicht meiner vielen Stichwortzettel und -hefte nahm ich eine Geschichte mit, die mir im Jahre 1998 durch eine zufällige Begegnung während eines Urlaubs in Südfrankreich geradezu vor die Füße gefallen war. Der Umfang schien mir damals schon bedrohlich groß, weshalb ich es immer wieder verschoben habe, mit dem Text anzufangen. Im Schreibseminar habe ich den Kern des Plots entwickelt und zwei Schlüsselszenen in Skizze gebracht.

1667 Wörter am Tag

Alle Jahre wieder, so ab August bis September, fällt unter Schreibfreunden häufiger das Wort NaNoWriMo. Der inzwischen weltweit grassierende Wettbewerb „National Novel Writing Month“ animiert dazu, einen Roman von 50.000 Wörtern zu schreiben und zwar in einem Monat. Dies ist der November. Bei der Vorgabe bedeutet dies, will man das Ziel erreichen, dass man täglich im Schnitt 1667 Wörter zu Papier bringen muss. Am Ende des Schreibseminars schätzte ich nach dem Plot, dass ich etwa 300 bis 400 Normseiten für den Erstentwurf benötigen würde, um diese ungewöhnliche Geschichte aufzuschreiben, die ihre Wendepunkte über mehr als ein halbes Jahrhundert verteilt. Eine außergewöhnliche Herausforderung für einen Amateurschreiber. Würde ich das Projekt ernsthaft angehen, hätte das Auswirkungen auf das Familienleben. Da meine Partnerin ebenfalls das Schreiben pflegt, war die Umgestaltung des Tagesablaufs für den November kein ernsthafter Konfliktstoff. Was allenfalls hätte hinderlich sein können, wäre der innere Schweinehund, also der lebenslange Kampf gegen sich selbst. Dieses Vieh wurde aber sehr schnell durch einen heftig aufkommenden Ehrgeizbefall zum Stillhalten gebracht. Ran an den Speck!

Qualität oder Quantität?

Wikipedia, die Homepage von NaNoWriMo durchforstet und es ergaben sich keine Hürden oder Tücken. Der besondere Rat von allen Seiten: vorbereiten, was den Inhalt betrifft, texten aber erst am 1. November. So meldete ich mich an, startete brav an Allerheiligen und meldete mein erstes Schreibergebnis. Ich war unzufrieden. Schon am ersten Tag mit 550 Worten hinter dem Tagesziel geblieben. Am zweiten und dritten Tag ging es flüssiger. 1400 und 1900 Worte waren konserviert. Ein Problem tauchte auf. Schon im Sommer war ein Besuchsversprechen für Mitte November an Freunde in Potsdam ergangen. Das bedeutete drei Tage Unterbrechung des Schreibens. Hin und her überlegend und rechnend suchte ich Ausgleich.

Glücklich fügte sich, dass wir in Potsdam den Cecilienhof besichtigten, den Ort des Potsdamer Abkommens von Mitte 1945. Churchill, Truman und Stalin legten hier entscheidend die Regeln der Reparationen für Deutschland fest. Ein Momentum, das vor allem auch wegen der Festschreibung der Oder-Neiße-Linie maßgeblich für die Entstehung der Schreibgeschichte war. So konnte ich durch Materialsammlung vor Ort wichtige Details und auch Verständnis für die damaligen geschichtlichen Feinabläufe gewinnen. Mit der fortlaufenden Schreibarbeit ergab sich aber Folgendes: je mehr ich zu Papier brachte umso mehr kehrte ich gedanklich zu den Texten der Vortage zurück und wurde von immer stärkerer  Selbstkritik an Inhalt und Handwerk befallen. Ich merkte, dass ich durch das Mengenziel die Ergebnisqualität stark vernachlässigte. Dadurch bekam für mich die „Hausnummer 50.000“ persönlich eine starke Fragwürdigkeit. So brach ich die tägliche Jagd auf 1667 Worte nach 17 Tagen des Schreibens ab. Immerhin bin ich auf die Menge von 74 Normseiten gekommen. Grundlage für eine Fülle von Nach- und Feinarbeit.

Literarisches Wettessen

„Eile mit Weile. Gut Ding will Weile haben“. Die Rückbesinnung auf diese Axiome des Lebens fiel mir leicht. Die Erkenntnisse an der Teilnahme spiegelen sich darin. Die amerikanischen Initiatoren des Wettbewerbs und die Idealisten, die das ganze Jahr für NaNoWriMo arbeiten, haben meinen Respekt. Immerhin führen sie Menschen ans Schreiben, wecken schlummernde Talente. Nur die Mengentheorie, die mich bei dem Wettbewerb an Schnitzel- oder Hotdog-Verschlingturniere erinnert, finde ich überzeichnet und ich werde künftig solche Zeitdrücke ignorieren. Solange mich kein Abgabetermin drängt, bleibt Qualität das Maß aller Dinge.

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